Von Dorothea Kurteu

“Wir sind immer in Geschichten. Geschichten in Geschichten in Geschichten. Man weiß nie, wo eine endet und eine andere beginnt! In Wahrheit fließen alle ineinander. Nur in Büchern sind sie säuberlich getrennt.” – Daniel Kehlmann

Ich erinnere mich gut an einen Vormittag in der Küche von Frau S. Gemeinsam schauen wir uns ihren Film an. Ihre Lebensgeschichte, die mir die damals 90jährige vor der Kamera erzählt hat. Jetzt sitzt Frau S. vor dem Bildschirm, hört und sieht sich. Immer wieder blitzen ihre Augen auf oder füllen sich ein wenig mit Tränen. Dann nickt sie lebhaft und meint “Ja, das stimmt, da hat sie recht, so war das.” Frau S. ist alt, aber wach in ihren Sinnen. Sie weiß, dass sie selbst da erzählt und zugleich ist sie berührt von ihrer eigenen Geschichte.

Erzählen als kulturelle Handlung

Oral History ist bekannt als Methode der Geschichtswissenschaft, die seit den 1960er Jahren – als Folge von zwei Weltkriegen, Nationalsozialismus und Holocaust – auch im deutschen Sprachraum Verwendung findet. Sie dient vorwiegend zur Sammlung von Zeitzeug*innen-Berichten in Ergänzung zur Geschichtsschreibung der Historiker*innen.

Die mündliche Weitergabe von kleineren und größeren Ereignissen in Form von Geschichten, ist jedoch eine kulturelle Handlung, die Menschen immer gepflegt haben. Familien am Mittagstisch, Dorfgemeinschaften am Stammtisch, bei Festen, oder bei gemeinschaftlichen Arbeiten.

“Das ist wie früher einmal, Frauen sitzen im Kreis und erzählen” – hat eine der Teilnehmerinnen bei einem Storycircle im Workshop Du und Ich* kürzlich gesagt.

Die Kunst des Storytelling

Unsere Erlebnisse und Erfahrungen sind als Erinnerungen in uns abgelegt, manchmal vergessen, manchmal bewusst. Ob und wie wir davon erzählen, hängt unter anderem davon ab, wer uns wie zuhört. Zwischen Erzähler*in und Gegenüber kann überhaupt erst eine Geschichte entstehen, die auch Sinn und Wirkung hat, die in beiden, Erzählender und Zuhörender, etwas Neues wachruft und die auch einen größeren, miteinander geteilten, Erinnerungsraum öffnet.

Geschichten können die Welt bewegen und verändern – in uns und um uns. “Nach einem Resonanzmoment bin ich ein Anderer”, sagt der Soziologe Hartmut Rosa, und Glen Grant, Historiker und Storyteller (Hawaii): “mo‘olelo ermöglicht es, mit deinen Worten ein Bild zu malen. Du bringst die Menschen in den Film, der sich in ihrem Kopf abspielt. Und du erlaubst es jedem, den Film nicht nur zu sehen, sondern auch ein Teil davon zu sein.“

Ein Spiel mit mehr als Worten

Auf Hawaii, wo, wie an wenigen Orten dieser Welt, die traditionelle Kunst des Storytelling noch gepflegt wird, sind Erinnerung und Erzählung in Worten, in Liedern, Gesängen und Tänzen lebendig.

Auch in unserer Arbeit geht das Erzählen oft über die gewohnten Formen hinaus. Die Geschichten konkreter Gegenstände, das Spiel des Erinnerungstheaters, das Mitwirken in Geschichten anderer, das Verdichten in Poesie ermöglichen einen vielfältigen Dialog, ein Durchfließen der Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft.

(Ein Artikel für das Magazin_01_2019 des bifeb – Bundesinstitut für Erwachsenenbildung, zum Workshop Du und Ich*, in Zusammenarbeit mit Astrid Ranner)


*Anmerkung: Der Workshop hat mittlerweile einen neuen Titel – „Mit der Zeit_Biografische Begegnungen“

Literatur:

  • Daniel Kehlmann, Ruhm – Ein Roman in neun Geschichten. Rowohlt
  • Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp
  • Aleida Assmann. Erinnerungsräume. C.H. Beck
  • Konrad P. Grossmann. Der Fluss des Erzählens. Carl Auer
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