Dieser Text ist erstmals am 1. Jänner 2021 im Magazin des Carl Auer Verlags erschienen. Er ist Teil des Blog-Projektes wildes weben. Astrid Habiba Kreszmeier lädt Kolleg*innen aus verschiedenen beruflichen Disziplinen ein, Texte zu systemisch-ökologischen Perspektiven zu schreiben. wildes weben begleitet die Entstehung von Habiba Kreszmeiers neuem Buch, das 2021 im Carl Auer Verlag erscheinen wird.

Ich höre die Stimmen der Vögel.
Sonst ist es eher ruhig in der Stadt in den letzten Tagen des alten Jahres. Wie so oft in den vergangenen Monaten gehe ich den Fluss entlang. Schon gibt es Vorstellungen, wie wir uns im Rückblick aus der Zukunft an “2020” erinnern werden. Welche Stories welcher Erzähler*innnen werden das sein? Wo nehmen die Geschichten ihren Anfang, wo verbinden sie sich mit anderen, wo endet ein Faden, vielleicht gänzlich unbemerkt?
Eine meiner Geschichten aus dem vergangenen Jahr beginnt an einem sonnigen Morgen im Frühling auf dem Weg zum Fluss. Ich hatte mich aufs Rad geschwungen und im selben Moment bemerkt “Oh! Jetzt bist du in der Zeit gereist. Wie alt bist du gerade?” – “Acht oder neun” war die Antwort.

Der Heimatfluss
Gestützt von einem Felsen, die Füße im Sand habe ich mich dann an meine Kindheit in einem vorstädtischen Viertel erinnert. Liebevoll war es dort, frei war es dort, viele Brachen zum Spiel, der Wald nah. Und eng war es dort, viel Traurigkeit, Trauma, Kriegs- und Nachkriegsgrau noch in den Träumen und Herzen der Erwachsenen. Tiefgrau war auch der Fluss und stinkig. “Wenn du ein Stamperl Murwasser trinkst, bist du tot!”
1975 war die Verschmutzung der Mur auf dem Höhepunkt, der Fluss beinahe ohne Leben. Verursacher waren kommunale, gewerbliche, und industrielle Abwässer, vor allem aus den Papier- und Zellstofffabriken am Oberlauf der Stadt. 1975 war ich neun Jahre alt.

Das Kraftwerk
“Sie brauchen keinen Schutzanzug, aber gutes Schuhwerk und warme Kleidung.” So stand es in den Anweisungen. Ende Oktober 2020 habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Atomreaktor betreten. Zwentendorf, nordwestlich von Wien an der Donau gelegen, ist weltweit das einzige Atomkraftwerk, das zwar fertig gebaut, aber aufgrund einer Volksabstimmung 1978 niemals in Betrieb genommen wurde. Heute ist es ein Denkmal des Wandels in der demokratischen Nachkriegsordnung und der Gründungsgeschichte der Ökologiebewegung dieses Landes.

Die Insel der Seligen
Es war ein Papst, Paul VI, der Österreich 1971 als Insel der Glücklichen bezeichnet hat (später wurde dann, wie auch immer, die Insel der Seligen daraus). Man erinnert sich hier im Land an die 1970er als goldene Jahre mit dem sozialistischen Bundeskanzler Bruno Kreisky als Sonnenkönig. Diese Sprachbilder muten heute natürlich seltsam an, doch sind sie nachhaltiger Teil des sozialen und wirtschaftlichen Mythos Österreichs. Gleichsam einem Schutzbann wurde die Insel Metapher sogar im Frühjahr 2020 reaktiviert.

Wie viele andere Kinder aus bildungsferneren Schichten, wie man heute sagen würde, konnte ich als erstes Mädchen in meiner Familie mehr als eine Pflichtschule absolvieren. Wohlfahrtsstaat und fortschrittliche gesellschaftliche Reformen auf Basis einer durchkomponierten politischen Ordnung – nach den Erfahrungen von Austrofaschismus und Nationalsozialismus war man auf Machtausgleich bedacht. Das Ziel waren Ruhe, Wohlstand und ökonomisches Wachstum.

Ökologische Fragen waren kein Thema, öffentlicher Diskurs nicht Teil der politischen Kultur.
“Ein Großteil des Landes lag unter einer Wolke aus Beton und patriarchaler Ordnung”, erinnert sich der Kunsttheoretiker Peter Weibel, im Oktober 2020 ebenfalls zu Gast im Kraftwerk. Bruno Kreisky anlässlich des Widerstands gegen die Atomkraft: “Ich habe es nicht notwendig, mich von ein paar Lausbuben so behandeln zu lassen.” 

Zum Zeitpunkt der Volksabstimmung war ich 12, Zwentendorf und die damit einhergehende Veränderung ist Teil meiner politischen Sozialisation, so wie gratis Schulbücher, offene Unis, Legalisierung von Homosexualität, Gleichstellung der Frauen, Neutralität und Kalter Krieg.

Die wilde Au
Vor der Abfahrt ins Atomkraftwerk, gab es im Kunsthaus Wien noch einen Fototermin: Die neue Pressekonferenz der Tiere. Ein Generationentreffen von Aktivist*innen. Anika Dafert von Fridays for Future als Fisch, Adam Pawloff, Enkel von Freda Meissner-Blau (Mitbegründerin der österreichischen Grünen), von Greenpeace, wie damals die Großmutter als Laufkäfer und Othmar Karas, konservativer Querdenker und heute Vizepräsident des europäischen Parlaments, wie schon vor 36 Jahren, als Kormoran.
Medienwirksam waren im Frühjahr 1984 die Protagonist*innen im Kampf gegen ein Wasserkraftwerk in der Hainburger Au in Tier-Kostüme geschlüpft. Im Dezember besetzten dann tausende Menschen die Au, nachdem mit Rodungen begonnen worden war. Die Hochschülerschaft hatte einen Sternmarsch organisiert, ich war 18, hatte gerade mein Studium begonnen und einen kurzen Tag lang war ich mit ein paar Freund*innen dort, am winterlich kalten Fluss, heute Teil des Nationalparks Donau-Auen.

Die Moral
In Österreich, wie auch in Deutschland, ereigneten sich in diesen Jahren heftige, vielschichtige Brüche in den Annahmen und Traditionen der Wiederaufbaupolitik. Die Ökologiebewegung war keine der Mehrheit, aber sie setzte neue, auch kreative, Narrative, wie wir heute sagen würden, und irritierte so erfolgreich den alten gesellschaftlichen Konsens.

In einer TV Dokumentation zu den massiven und letztlich gewalttätigen Auseinandersetzungen um die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf in Deutschland (1985-89) sagte der Systemtheoretiker Niklas Luhmann: “Für unsere Gesellschaft scheint es eindeutig erstens immer um ein Risiko zu gehen, das verschieden eingeschätzt wird, um verschiedene Werte, und letztlich um die Frage, wie man zu einer vernünftigen Lösung kommt.” Luhmann kritisierte den moralischen Anspruch der Ökologiebewegung – “Angesichts dieses Risiko Problems muss man sich fragen, was eigentlich die ethische oder auch moralische Kommunikation zur Lösung solcher Probleme beitragen kann. Ich würde zunächst einmal sagen, gar nichts.” Es ginge darum, ohne moralische Attitüde die sozialen Folgen der ökologischen Bedrohung zu bedenken, so Luhmann und kommt dabei zu folgendem Urteil: “Eine grüne Regierung kann zum Beispiel die politischen Daten für die Wirtschaft, für das Recht, für das Familienleben verändern, sie kann Gesetze machen, die politische Produktionsbedingungen verbieten. Aber sie kann nicht erreichen, dass das wirtschaftlich gut geht, sie kann nicht erreichen, dass das Kapital trotzdem im Lande bleibt, dass die Ökonomie trotzdem floriert, dass die Arbeiter trotzdem beschäftigt werden.”

Der Philosoph Markus Gabriel, Vertreter eines neuen moralischen Realismus, entgegnet Luhmann 35 Jahre später aus einem komplex veränderten Erfahrungsraum: “Es ist möglich, moralisch gutes Verhalten und anders geartete Produktionsketten auch zu monetarisieren. Warum sollte denn nur die Ausbeutung Mehrwert produzieren und nicht zum Beispiel moralisch hochwertige Güter?” Auch Gabriel war in diesem Herbst 2020 zu Gast im Atomkraftwerk.

Die Ermächtigung
Der niemals in Betrieb genommene Reaktor in Zwentendorf, ein Bau aus 1000 Räumen, ist ein absurd großartiger Ort für vielstimmige Dialoge zu wesentlichen Fragen dieser Zeit. GLOBART, eine österreichische Denkwerkstatt, hat zu ihrer Academy 2020 im Rahmen einer Trilogie Leben.Macht.Sinn eingeladen. Mit Herz, Hirn und Hand sollten Ideen, Wissen und Know How in demokratische und zivilgesellschaftliche Energie umgewandelt werden.

Mit dabei auch Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin, die seit Jahren beharrlich und kreativ dazu einlädt, Europa mutig zu denken. Sie hat schon im Frühjahr, als die Nationen-Inseln Europas ihre Grenzen nicht nur gegen Süden wieder befestigt haben, gemeint – “Es wird entscheidend sein, mit welchen Erinnerungs-Bildern wir aus dieser Krise weitergehen.”

Ein Gedanke, dem ich immer wieder Beachtung schenke, im persönlichen wie auch in den sozialen Gedächtnisräumen. Ich bin müde nach diesem Jahr, doch drüben im Park höre ich die Kinder lachen. Es hat zu schneien begonnen.

Ich wünsche den Leser*innen hier ein gutes kommendes Jahr! Schöne Spaziergänge entlang der Flüsse, die eine oder andere Zeitreise und Geschichten, die man weitererzählen möchte.


Literatur und Links:

carl-auer.de/magazin
dorothea-kurteu.at/2020/04/11/vom-erzaehlen-mit-dem-fluss/

zwentendorf.com/
oe1.orf.at/archiv_70er
swr.de/swr2/wissen/archivradio/geschichte-der-oekologiebewegung-100.html
Thomas Strauch, Beobachter im Krähennest – Niklas Luhmann zur Ökologiedebatte, https://www.youtube.com/watch?v=qRSCKSPMuDc
Markus Gabriel, Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Universale Werte für das 21. Jahrhundert. Ullstein Verlag
globart-academy.at/
Ulrike Guérot, Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Utopie. Verlag J.H.W. Dietz
Ulrike Guérot. Was ist die Nation? Steidl Verlag

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