Juni 2021 | Dorothea Kurteu
Dieser Text ist erstmals am 18. Juni 2021 in der Blog-Community wildes weben im Magazin des Carl Auer Verlags erschienen.

“Das ist verwirrend …”, sagt Valerie. Und sie meint damit die Geschichte dieses Ortes, an dem wir uns befinden. Der Grünanger ist ein Gebiet im Stadtteil Liebenau im Süden von Graz, bevorzugt durch die Lage am Fluss und dennoch ein Ort der Benachteiligten. Hier leben Menschen am Rande der Wohnungslosigkeit, Sozialhilfeempfänger*innen, ungewöhnlich viele mit psychischen und chronischen Erkrankungen. Die Ärzt*innen des im Stadtteil gelegenen Sozialmedizinischen Zentrums haben sich dazu bereits in den 1980er Jahren auf Spurensuche begeben. Es hat sich gezeigt, dass der Grünanger einer jener Orte ist, die der österreichische Autor und Journalist Martin Pollak kontaminierte Landschaften nennt. “Es gibt da etwas, was die Landschaft verunreinigt, vergiftet, kontaminiert, unsichtbar zwar, doch bohrend und peinigend. Es handelt sich um Orte, wo in der Vergangenheit schreckliche Dinge passierten.” (1)

Das “Lager Liebenau” am Grünanger wurde 1940 von den Nazis für ankommende „volksdeutsche Umsiedler*innen“ errichtet. Ab 1941 waren in den Baracken Gefangene des NS-Regimes untergebracht, die Zwangsarbeit im nahen “Puchwerk I” der Steyr-Daimler-Puch-Werke leisten mussten. Im April 1945 war das Lager Station des sogenannten „Todesmarsches“, bei dem Juden und Jüdinnen aus Ungarn nach Errichtung des “Südostwalls” quer durch die Steiermark ins Konzentrationslager Mauthausen getrieben wurden. Menschen wurden an diesem Ort entwürdigt und getötet. 

Nach dem Krieg wuchs – im wahrsten Sinn des Wortes – Gras über die Geschichte. 

Jahrzehnte an Zeit, Beharrlichkeit vor allem eines Arztes des SMZ gegenüber der Stadtregierung, und letztlich den Zufall von Funden im Rahmen der Bauarbeiten für ein Wasserkraftwerk hat es gebraucht, bis die Geschichte des Grünangers durch Historiker*innen ausgiebig beforscht wurde. (2)

Valerie und ihre Klassenkolleg*innen kennen diesen Ort “zum chillen”, wie sie erzählen. Sie gehen in die Polytechnische Schule, die hinter dem ehemaligen Puch-Werk (mittlerweile ein Gewerbepark) auf der anderen Flussseite liegt. Bis auf zwei kommen sie alle aus Familien, die nach Österreich eingewandert sind. In einem Kurzfilm machen sie ihre ganz eigene Feldforschung, reden mit Anwohner*innen (die meisten Alten sind hier aufgewachsen, hier geht man nicht weg) und filmen mit ihren Handys die eindrückliche Komposition aus Hochhäusern, dauerhaft bewohnten Schrebergartenhütten, freien Wiesenflächen, Skaterpark, einer alten Seifenfabrik (jetzt ein Kulturzentrum), dem Steg rüber zum ehemaligen Werksgelände und der Großbaustelle für das Wasserkraftwerk. In einem klugen, suchenden Gespräch tauschen sie ihre sehr unterschiedlichen Ansichten darüber aus, welches Erinnern und Gedenken sie einem Ort wie diesem angemessen finden. 
Der Film der Jugendlichen ist im Rahmen des Projektes “Nicht von gestern!” (3) des HdGÖ-Haus der Geschichte Österreich entstanden und wurde 2018/2019 in der Ausstellung “Lager Liebenau – ein Ort verdichteter Geschichte” (4) im GrazMuseum gezeigt. Beide Museen sind lebendige, selbstreflexive Lernorte für Zeitgeschichte (was sich das HdGÖ hart erkämpfen musste, das wäre eine eigene Geschichte zur österreichischen Erinnerungspolitik).

Die eine und eigene Geschichte

Die Jugendlichen haben ihrem Film den Titel “Das Gebiet ist wichtig. Die ganze Stadt ist wichtig” gegeben. Ich, als beteiligte Medienpädagogin, fand ihn damals allzu sperrig, aber gerade dieses sowohl-als-auch war ihnen wichtig. In Bezug zu ihren ganz unmittelbaren Lebenswirklichkeiten und unausgesprochen vielleicht auch zu den Migrationsgeschichten ihrer Familien.

“Wir brauchen neue dialogische Wege, um über Erinnerung nachzudenken. Wir müssen die Geschichtsschreibung globalisieren, das Gedenken pluralisieren” fordert der US-Literaturwissenschaftler und Holocaust-Forscher Michael Rothberg in seinem Buch “Multidirektionale Erinnerung – Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung” (5), das in diesem Frühjahr auf deutsch erschienen ist (bereits 2009 auf englisch). Die Reaktionen im deutschen Feuilleton, aber auch in den sozialen Medien (auch in meiner vielleicht-ja-doch-nicht Bubble) sind zum Teil heftig ablehnend, sie reichen bis zur Verharmlosung und Relativierung der Singularität des Holocaust. Eine Debatte, die ins Vorjahr zurückreicht, als sich Achille Mbembe, Historiker und Politischer Philosoph aus Kamerun, mit Vorwürfen des Antisemitismus konfrontiert sah. (Eine vertiefende Lektüre und Analyse dazu bietet der unten verlinkte Artikel von Aleida Assmann im Merkur) (6)

Michael Rothberg und Jürgen Zimmerer, Historiker und Afrikawissenschaftler (Schwerpunkt (post)koloniale Geschichte), antworten (u.a.) in einem Artikel in der Zeit: “Nun wird jeder verstehen, warum ein Bekenntnis zur Einzigartigkeit des Holocausts hierzulande zentral ist. Aber handelt es sich dabei um ein Entweder-oder? Besteht zwischen Einzigartigkeit und Relationalität ein unüberwindbarer Gegensatz, schließt das Letztere das Erstere grundsätzlich aus?” (7)
Aus Sicht der Autoren braucht es Erinnerungslandschaften, die “den historischen Ort des Holocausts in der globalen Geschichte ausloten und Fragen, wie die Art, wie die Erinnerung daran mittlerweile mit globalen Ereignissen der Nachkriegszeit verschränkt ist.”
„Eine ganz wichtige, befreiende Entwicklung“, nennt Aleida Assmann, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, das Konzept des Mehrwegsgedächtnisses, wie sie Rothbergs Begriff des multi-directional memory übersetzt.  Indem weitere historische Menschheitsverbrechen, etwa aus der Kolonialzeit oder der Geschichte der Sklaverei mit in den Blick rückten, biete sich eine Chance für ein erweitertes Verständnis: „Nicht jeder ist für seine eigenen Traumata zuständig, allein und ausschließlich, dann kommt man nämlich sehr schnell in ein Konkurrenzverhältnis oder einen Wettbewerb um den Opferstatus […] Das ist ein ganz wichtiger Schritt gewesen, der weggeführt hat von der Idee, dass man ein Ereignis historisch besetzt und besitzt.“ 

Die Idee des Mehrwegsgedächtnisses habe die Logik des Sowohl-als-Auch ins Spiel gebracht, so Assmann weiter, und gezeigt, “dass Erinnerungen nicht nur in Form der Polarisierung, Aufrechnung und gegenseitigen Leugnung, sondern gerade auch in einer Beziehung der gegenseitigen Anregung und Bestätigung existieren. Die Erinnerung der Menschen bahnt sich unterschiedliche Wege, entdeckt Zusammenhänge und bildet unerwartete Allianzen, die sich von den Mustern und Vorgaben der Ideologen entfernen und auf diese Weise neue Wege und Zugänge zur Geschichte öffnen. […] Solche dialogischen Verbindungen erhalten das Erinnern […] lebendig, indem sie Transformation und Erneuerung zulassen.” (6)

Und ich denke jetzt wieder an Valerie und vermute, es würde ihr gefallen, mit Aleida Assmann ein paar Stunden am Grünanger “zu chillen” …

Sympoiese in der Erinnerungspraxis

Der Leitbegriff in Astrid Habiba Kreszmeiers Buch, das im September hier bei Carl-Auer erscheinen wird (8) und dessen Entstehung wir im wilden weben aus unseren jeweiligen professionellen und auch persönlichen Betrachtungen ein Stück weit begleiten, ist die Sympoiese
Kein Wesen, aber auch kein geschichtliches Ereignis, sei es noch so gewaltig, sei es singulär, steht isoliert und nur sich selbst organisierend und erhaltend, in der Welt. Auch Erinnerung ist in Kontakt, in Kommunikation, im Gespräch mit jeweils anderen Erinnerungen – und lässt dadurch Transformation und Erneuerung zu, wie Aleida Assmann schreibt. 

Lebendige Erinnerungspraxis verbindet uns immer auch mit Gegenwart und mit-zu-gestaltender Zukunft. Wir leben in Einwanderungsgesellschaften und brauchen gleich-beteiligende Räume der Erzählungen und wir müssen Mit-Verantwortung übernehmen für Geschichte, die gerade jetzt im Augenblick geschieht. Wie kann es sein, dass an der EU-Aussengrenze Menschen ihrer Würde beraubt in Lagern leben müssen und Europas Regierungen so tun, als wäre das nicht Teil der eigenen – kolonialen und kapitalistischen – Historie und Gegenwart?

P.S.
Gerne möchte ich hier noch auf die Tagung “An der Grenze!? – Neu Denken.” hinweisen, die am 6. Juli aus Anlass des 75. Jahrestages der Genfer Flüchtlingskonvention stattfindet. Die Carl Auer Akademie ist Mit-Veranstalter. Hauptreferent ist Gerald Knaus, Migrationsforscher und Autor von “Welche Grenzen brauchen wir?” – er ist auch in einem Gespräch auf Carl Auer Sounds of Science zu hören.


Links und Literatur:

(1) Kontaminierte Landschaften, Ausstellung im Rahmen der Steiermark Schau, 2021 http://www.clio-graz.net/
(2) Lager Liebenau – ein Ort verdichteter Geschichte, Barbara Stelzl-Marx (Hg.), Leykam Verlag 2018
(3) https://www.hdgoe.at/nicht-von-gestern/
(4) https://www.grazmuseum.at/ausstellung/lager-liebenau/
(5) Multidirektionale Erinnerung – Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung, Michael Rothberg, Metropol Verlag 2021
(6) https://www.merkur-zeitschrift.de/2020/12/21/polarisieren-oder-solidarisieren-ein-rueckblick-auf-die-mbembe-debatte/
(7 )https://www.zeit.de/2021/14/erinnerungskultur-gedenken-pluralisieren-holocaust-vergleich-globalisierung-geschichte
(8) https://www.carl-auer.de/natur-dialoge

 Bild: Filmstill aus “Das Gebiet ist wichtig. Die ganze Stadt ist wichtig

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